Prolog

Ich mag große Schiffe – und große Menschen. Ich selbst bin klein. Das ist schade. Aber nicht schlimm. Von Größe allein wird man kein besserer Seefahrer und auch kein besserer Maler.

Fasziniert von Klängen wollte ich eigentlich schon immer ein kleiner, moderner Mozart mit Schleife im Haar sein, auch wenn ich sah, wie Menschen Kieselsteine in die salzige Pfütze warfen, die sich vor mir gebildet hatte. Ich wusste, eines Tages würden Astronauten auf meinem Kopf eine Kathedrale aus jedem einzelnen dieser Steine bauen. Eine Kathedrale, in der alles was einmal war, widerhallt, an den Wänden abprallt und für eine Weile seine Spuren hinterlässt, so wie die Steine, die in die Pfütze geworfen wurden. Und so kann ich nichts bereuen und nichts bedauern.

Manche Menschen funktionieren in manchen Dingen einfach weniger gut als andere und so gibt es häufig Momente, in denen ich mich zu einem Leben auf dem falschen Planeten verdammt fühle. Ich musste mir meine eigene Welt malen.

Maler haben das unbändige Verlangen, Dinge, die sie mit ihren Augen oder der Seele fotografiert haben, als Striche, Flächen und Farben auf Papier zu bannen. Bootsbauer zimmern Planken in Reihen zu ansehnlichen Booten und Schiffen. Journalisten reihen Buchstaben, Wörter und Sätze zu ganzen Artikeln aneinander, in denen sie schreiben, meine Musik habe etwas Mystisches, etwas Anderes, etwas, das sie am Ende „AnnieOne-Welt“ nennen.

Diese „AnnieOne-Welt“ begann damit, dass ich mich schon als kleines Kind der Magie vom „Bootsbau“ nicht entziehen konnte. Mein Interesse galt dabei nicht der einfachen Schönheit, sondern der Macht und Technik, die dahinter steckte. Jedes Schiff und jedes Boot, das ich zu Gesicht bekommen konnte, analysierte ich bis ins Detail und so lernte ich sehr schnell, wie man ein Boot baut und vor allem bekam ich sehr früh eine Vorstellung davon, wie mein eigenes Boot aussehen soll. Ich spürte, dass es meine einzige Bestimmung ist, eine Art rettende Flucht.

Ließ ich noch als Kind gefaltete Boote aus weißem Papier auf dem Teppich meines Zimmers schwimmen, so zwang mich das Leben, über stabileres Baumaterial nachzudenken. Mit 17 Jahren wurde ich durch die Irrungen und Wirrungen meiner Kindheit an das Ufer der Stadt Konstanz gespült. Und ich wusste: Der Zeitpunkt war gekommen. Ich brauchte ein Boot. Mein Boot. Ich begann es zu bauen.

Eines Nachts ließ ich heimlich mein Boot zu Wasser, ohne zu wissen, ob es mich tragen würde. So ein ganz kleines, einfaches Boot. Ich fuhr damit nur in der Dunkelheit die kleinen Bäche der Region entlang, weil ich nicht wusste, wie die anderen Menschen auf mein Boot reagieren würden. Ich wollte nicht ausgelacht werden. Ich hatte es nur für mich allein gebaut. Aber irgendwo am Ufer eines Baches stand im Gebüsch eine dunkle Gestalt und sah mein Boot und erzählte es am nächsten Morgen den anderen. Und so kam es, dass man mich bat, auch einmal tagsüber mein Boot zu zeigen. Und ich tat es und immer mehr Menschen kamen zum Ufer und klatschten, weil sie sich so freuten über das kleine Boot, das so anders aussah als alle Boote, die sie bisher gesehen hatten.

Bald drangen Rufe vom Ufer des Baches an mein Boot heran. Ein paar Männer riefen: ,,Du hast so ein schönes Boot! Wir würden gerne mitfahren, aber das Boot ist zu klein für uns alle! Bau ein kleines Schiff und wir fahren mit dir.“ Ich lehnte dankend ab. Irgendwann kannten alle Menschen am Bach mein kleines Boot und ich beschloss den Bach zu verlassen. Ich nahm mein Boot und ging zum nahegelegenen Fluss und ließ es dort zu Wasser. Ich kaufte mir sogar eine Fahne für meinen Mast, auf die ich meinen Namen schrieb. Aber der Fluss war zu groß für mein kleines Boot und es drohte unterzugehen. In letzter Sekunde rettete ich mein Boot und als ich triefend nass neben meinem Boot am Ufer saß und traurig auf den Fluss blickte, da hörte ich die Schritte von Menschen auf mich zukommen und ich spürte, wie jemand seine Hand auf meine Schulter legte, und sagte: „Annie, lass uns ein Schiff bauen!“ Und ich nickte.

Nach sechs Monaten Bauzeit ließen wir das Schiff im Fluss zu Wasser, bildeten eine Crew mit mir als Kapitän und fuhren gemeinsam die Flüsse der Welt entlang. Die Menschen am Ufer winkten und freuten sich. Sie jubelten und machten Photos von uns und dem Schiff.

Heute fahre ich gemeinsam mit meiner Crew über die Meere der Welt, erlebe Stürme und Flauten und bin erfüllt von Stolz. Ich werde mein Leben lang ein Seefahrer sein und am Ende werde ich am Ufer der Geschichte im Schatten meines Schiffes sitzen, auf das offene Meer hinausschauen und niemand außer mir wird wissen, dass das Schiff im Meer einmal ein kleines Boot in einem Bach war, das heimlich nachts seinen Weg durch die Wellen suchte. Wäre ich ein großer Mensch – wie Mozart – würde ich es verschweigen. Aber ich bin klein. Das ist schade, aber nicht schlimm.